Technikethik

 

1. Einleitung

Die Technikethik, oder auch die Ethik der Technik, beschäftigt sich mit ethischen Fragen in Bezug auf die Bedingungen, Zwecke und Folgen von Technik, bei deren Entwicklung, Herstellung, Nutzung und Entsorgung. Beabsichtigt wird eine Reflexion zu zeitnah anstehenden Entscheidungen, damit ethische Beurteilungen der Technik praxiswirksam mit einbezogen werden können. In der Technikethik werden die Entscheidungs- und Handlungsanforderungen der technischen Praxis mit den Begriffsbildungen und Verfahren der allgemeinen Ethik in Beziehung gesetzt. Hauptsächlich bilden Technikkonflikte mit ihren moralischen Implikationen den thematischen Kern der Technikethik.

 

Hierbei zeigt sich, dass technische Entscheidungen nicht nur aus praktischen Motiven, sondern eher aus politischen Gründen heraus gefällt werden. Es geht um die Frage nach Zukunftsvorstellungen, nach Menschenbildern und Gesellschaftsentwürfen. Technikkonflikte beinhalten immer auch ethisch relevante politische Konflikte.

 

2. Was ist Technik?

 

Im Allgemeinen unterscheiden wir drei Arten von Technik. Zum einen ist es der künstliche, also vom Menschen erschaffene Gegenstand, das Artefakt. Aber auch ein Sachsystem, ein in Raum und Zeit existierender, künstlicher und aus natürlichen Rohstoffen hergestellter Gegenstand (auch „Gerät“, „Apparat“ oder „Maschine“ genannt) wird als Technik bezeichnet, beispielsweise ein Hammer oder die Bohrmaschine. Zum zweiten geht es um Technik als Verfahren. Damit sind meist wiederkehrende Handlungen gemeint, die ein Artefakt oder Sachsystem entstehen lassen, es herstellen. Darunter fällt auch die maschinelle Produktion weiterer Technik. Bei der dritten Bedeutung von Technik sind menschliche Fertigkeiten und Fähigkeiten gemeint, die Technik des Radschlagens gehört genauso dazu wie Yogatechniken oder Geige spielen. In der neueren Literatur splittert sich der Begriff Technik auf: „Technologie(1) als Wissen über Herstellung, Gebrauch und Reparatur technischer Geräte und den Einsatz technischer Verfahren ist von Technologie(2) als der Wissenschaft von der Technik zu unterscheiden, während Technik(1) als Oberbegriff für technisch vermittelte zweckrationale Handlungen von Technik(2) als Ensemble von Geräten und Apparaten (Realtechnik) zu unterscheiden ist, sei solche Realtechnik systemisch vernetzt oder dinglich isoliert.“(Ott S.593) Im speziellen technikphilosophischen Kontext teilt sich das Verständnis des Technikbegriffs in zwei grundlegende Vorstellungen auf. Einige Philosophen betrachten Technik als gegenständlichen Begriff, es geht hauptsächlich um natürliche Hardware, dessen Künstlichkeit, Funktionalität und dessen „Gemachtsein“ deutlich gemacht werden. Durch ein solches systemorientiertes Technikverständnis wird für Techniker und Technikwissenschaftler eine Grundlage geschaffen, die zur Gestaltung technischer Systeme verwendet werden kann. Einen anderen Zugang implizieren die reflexiven und handlungstheoretischen Technikbegriffe. Die Zuschreibung „technisch“ oder „nichttechnisch“ ist das Ergebnis einer Reflexion über Wiederholbarkeit und Invarianz in Handlungsvollzügen. Ein Technikverständnis, das Wirklichkeit entweder nach kausalen oder nach regelhaften Aspekten wertet, beschreibt Technik zuvorderst als sozial bestimmte Software. Soziologen haben hiermit einen Zugang zur Beschreibung von Technik. (vgl. Petsche 2004, S.7)

 

3. Technikphilosophische Grundlagen

Technik wird als Mittel zum Zweck benutzt, das heißt man nutzt die Technik um etwas anderes zu bekommen oder zu erreichen. Ein Zweck kann wiederum ein Mittel für einen höheren Zweck sein. Diese Mittel-Zweck-Relation endet beim Endzweck, dem Bereich der Werte. Den Endzweck oder den Wert (z.B.: Glück) kann man nicht mehr als Mittel einsetzen, weil das zu absurden Sätzen führen würde. „Daraus folgt, daß[!] es ein moralisch relevanter Kategorienfehler ist, die Technik zum letzten Zweck zu machen."(Ott 2005 S.590/91) Des Weiteren impliziert sich daraus ein „Verabsolutierungsverbot technischen Denkens und Handelns."(Ott 2005 S.591) Es besteht eine komplexe Relation zwischen Technik und Ethik, wobei die Begriffsbildung und die disziplinäre Arbeitsteilung problembehaftet sind. Die folgenden sechs Punkte geben einen Einblick.

(1) Da Ethik und Technik begriffliche Strukturen umfassen, einmal von Moralen, Moralität und Ethik, zum anderen von Technologie, Techno-Logik und Technik, ist es sehr wichtig, wie die Binnenrelationen bestimmt werden.

(2) Vermittelnde Begriffe, wie Anpassung, Steuerung, Gestaltung usw. sind in dieser Relation erforderlich, weil es einen Unterschied macht, ob diese Begriffe aus der Sichtweise der technisch-technologischen Seite oder aus der moralisch-ethischen Seite heraus entwickelt werden.

(3) Auffassungen, wie einen ethischen Sinn in der Technik zu finden Technikethische Grundsätze, prallen auf Auffassungen, die Werte und Normen von außen an die wesentlich neutrale Technik tragen. Mit begrifflichen Differenzierungen lässt sich das Problem lösen.

(4) Bei Untersuchungen der Disziplinen Technikhistorie oder –soziologie treten ethisch relevante Wertungen zutage, deren Verhältnis zur Ethik aber unklar ist.

(5) Ethisch unverbindlich bleiben auch Untersuchungen, die die Rolle der Technik im Kontext des aktuellen Zeitalters bestimmen wollen, um moralisch-normative Schlussfolgerungen zu ziehen. Man kann sich nicht auf Kultur- und Zeitdiagnosen einigen und die Gegenwartsdiagnosen setzen zuviel voraus (Wissens-, Erlebnis-, Freizeit-, Wegwerf-, Informations-, xy-Gesellschaft) oder sind zu einseitig.

(6) Mit Skepsis wird sich die Technikethik ebenso auseinandersetzen müssen. Ob Max Weber („Sterile Aufgeregtheit“), Adorno („marktgängige Edelsubstantive“), Gehlen („Hypermoral“) oder Luhmann - es reicht nicht, nur auf die Faktizität der Diskussion um eine solche Ethik zu verweisen. ( vgl. Ott S.591/2)

 

3.1. Skepsis an der Technikethik

Es gibt einige Einwände, die gegen eine Technikethik sprechen, aber auch Argumente, die eine Technikethik fordern.

Die Einwände beziehen sich auf: 

(a)  die Neutralität oder die Polyfunktionalität technischer Geräte:

Die Neutralitätsthese besagt, dass Technik selbst keine Ziele steckt und somit jenseits von Gut und Böse steht. Sie ist beidem gegenüber neutral. Technik bedarf aber einer Führung bzw. einer Richtungsgebung, denn die Polyfunktionalität, also die Technik zum Guten oder zum Bösen zu verwenden, besteht immer.

(b)  unaufhebbare Prognoseunsicherheiten (Bechmann 1991 u.ö.):

Die Annahme lautet, dass die Ungewissheit über künftige Weltzustände und die Ungewissheit, wie künftige Personen diese bewerten werden, eine moralische Verantwortung von technischen Innovationen als nicht zeitgemäß darstellt, weil sie über das hinausginge, was sich in der Gegenwart durch Moral- und Rechtsnormen einfordern ließe.

(c)  die Schwächen einer individualistischen Ethik (Ropohl 1991a),

(d)  die angebliche Unterminierung der Moral durch Technik:

Durch neue Technologien lösen sich angeblich moralische Tabus langsam auf. Diese Unterminierungsthese kann sich auf Verschiedenes beziehen. Sie kann für religiöse, für bereichsspezifische oder für allgemeine Moralvorstellungen gelten. Das bedeutet, dass nicht nur kulturelle Wertvorstellungen und Auffassungen vom guten Leben modifiziert, sondern auch normative Verhaltenserwartungen durch Technik aufgelöst würden.

(e)  den Theoriepluralismus in der Ethik selbst,

 

(f)   die faktische Aussichtslosigkeit einer ethischen Kontrolle technologischer Innovationen und technischer Systeme

Als Gegenzug dazu erklärt Jonas, warum die Technik ein Gegenstand für die Ethik ist. Technik ist „eine Ausübung menschlicher Macht [...], d.h. eine Form des Handelns, und alles menschliche Handeln" ist „ moralischer Prüfung ausgesetzt […].“ (Jonas S.81) Diese technisch gesteigerte menschliche Macht lässt sich zum Guten wie zum Bösen einsetzen und man kann „bei ihrer Ausübung ethische Normen beachten und verletzen […].“ (ebd.) Des Weiteren gibt Jonas fünf Gründe an, die nachweisen, dass Technikethik einen besonderen Fall darstellt, der ethisches Denken erfordert.

(1)  Ambivalenz der Wirkungen, innere Mehrdeutigkeit technischen Tuns

Der nützliche Gebrauch von Technik, in noch so guter Absicht, führt immer auch „[…]einen Richtungssinn sich steigender und letztlich schlechter Wirkungen“ mit sich, die aber „untrennbar mit den beabsichtigten nächstliegenden ‚guten’ Wirkungen verbunden sind.[…]“(Jonas 1991 S.82) Technik hat immer eine schädliche Seite, die durch die nützliche Seite miternährt wird. Das Risiko des „Zuviel“ - bezogen auf die Langfristigkeit von technischen Anwendungen - stärkt beide Seiten und stärkt die Gefahr des Umschlagens von gut in schädlich. Eine Technikethik muss sich dieser Herausforderung stellen.

(2)  Zwangsläufigkeit der Anwendung, stete Aktualisierung des technischen Potentials

Die Anwendung von Technik, die gesteigerte menschliche Macht in permanenter Tätigkeit ist, „[…]gleicht eher dem Verhältnis des Atmenkönnens und Atmenmüssens als der des Redenkönnen und Redens.“(Jonas 1991 S.83) Jede durch Wissenschaft eröffnete neue Möglichkeit, die im Kleinen entwickelt wurde, „hat es an sich, ihre Anwendung im großen und immer größeren zu erzwingen und diese Anwendung zu einem dauernden Lebensbedürfnis zu machen.“(ebd.)

(3)  Globale Ausmaße in Raum und Zeit, Verantwortung wächst proportional zu Taten der Macht (Technik)

Jede Anwendung technischer Fähigkeit durch die Gesellschaft hat die Eigenschaft sehr „groß“ zu werden. Die moderne Technik wird dabei Gefahr für die Erde und somit für den Menschen.

(4)  Durchbrechung der Anthroprozentrik, Erweiterung der Humanität

Durch die drohende Gefährdung und die weitere Entwicklung der Menschheit selbst, gibt es eine Erweiterung der Verantwortung des Menschen gegenüber der Umwelt, der Natur und der ganzen Biosphäre des Planeten. Das anthropozentrische Monopol der meisten früheren ethischen Systeme wurde durchbrochen. Die Verantwortung des Menschen greift nun auch auf die Lebensqualität von Tier- und Pflanzenwelt über. „Denn verarmtes außermenschliches Leben, verarmte Natur, bedeutet auch verarmtes menschliches Leben.“(Jonas 1991 S.86)

Diese erweiterte Sicht gipfelt in der Anerkennung vom Recht des außermenschlichen Lebens und deren Konsequenzen.

(5)  Aufwerfung der metaphysischen Frage, Apokalyptisches Potential der Technik (vgl. Jonas 1991)

Von den drastischen Prognosen wie die Unbewohnbarkeit der Erde bis zur Veränderung des menschlichen Erbguts und damit das mögliche Ende der Menschheit - unser verantwortungsvoller Umgang mit Technik ist lebensnotwendig und macht einmal mehr umso deutlicher wie wichtig das Thema Technikethik sein kann.

 

4. Gegenwärtige Ansätze der Technikethik

Die jüngste Vergangenheit bescherte der Technikethik eine Vielzahl an unterschiedlichen Herangehensweisen und Ausformungen des Gegenstands. Folgende Beispiele sind einige von Konrad Ott beschriebene rechtfertigungsorientierte Ansätze. Diese Zusammenfassungen geben nur einen Einblick in den jeweiligen Forschungsansatz, für weitere Lektüre oder Studien gibt das Literaturverzeichnis Auskunft.

 

4.1. Vernunftkriterien (Ott)

Die unterschiedlichen Bewertungskategorien werden, wie in 3.1 gezeigt, vom deskriptiven Begriff der praktischen Vernunft überspannt. Ein Grund für die Dominanz der Techno-Logik ist die „[…] Identifikation von Vernunft und Verstand in einem Begriff von eigennutzmaximierender Zweckrationalität […].“ (Ott S.607) Die vielfältigen Leistungen des technischen Verstandes werden von der Vernunft kritisch reflektiert. Ott führt einige Bedingungen an, die erfüllt sein müssen, wenn technologische Innovationen und technische Handlungen als vernünftig gelten sollen. (vgl. Ott S.607) Bedingungen:

 

(1) Frage nach der Tauglichkeit bestimmter Mittel, bestimmte Probleme zu lösen,

(2) Eine umfassende Kalkulation,

(3) Orientierung an und in unterschiedlichen Handlungskontexten,

(4) Beachtung eines gerechtfertigten normativen Regelwerkes.(vgl. ebd.)

„Vernunftvermögen sind demnach Problemorientierung, kluges Kostendenken, sensible Kontextorientierung und moralische Autonomie. Entscheidend ist, daß[!] Moralität im Gegensatz zur eigennutzfixierten Rationalität steht, aber integraler Bestandteil praktischer Vernunft ist.“(ebd.)

Praktische Vernunft begleitet alle Entscheidungen zum sinnvollen Technikgebrauch, da aber nicht nur das Kalkül entscheidet, steht der irrationalen Technikadaption die Orientierung der Moralität entgegen.

 

4.2. Verantwortung (Lenk/Ropohl)

Verantwortung für Technik kann untergliedert werden in „[…] Verantwortung der Folgen normaler Nutzung, Verantwortung der Nebenfolgen normaler Nutzung, Verantwortung der Folgen von Unfällen oder technischem Versagen und der Verantwortung von Mißbräuchen[!].“(Ott S.610) Graduelle Mitverantwortung, Formen korporativer Verantwortung und die Frage nach der kollektiven politischen Verantwortung für die Zuteilung individueller Verantwortung sind Bestandteil neuerer Diskussion. Verantwortung heißt das Ablegen von Rechenschaft gegenüber legitimierten Personen, also Rede und Antwort stehen für zurechenbare Handlungen. Der diskursive Aspekt der Rechtfertigungsprozedur beinhaltet sowohl das Einklagen von Verantwortung sowie auch das Zurückweisen von unbegründeter Verantwortungszumutung. Dieser diskursorientierte Zuschreibungsbegriff, ohne eigenen substanziellen Gehalt, fordert ein normgesetztes Verhalten voraus. (vgl. Ott S.610/11)

Das Verantwortungskonzept von Lenk und Ropohl „ … unterscheidet zwischen Handlungs(ergebnis)-, Rollen- und moralischer Verantwortung“ und „außerdem zwischen deskriptiven und normativen Verantwortungszuschreibungen. Eine natürliche oder juristische Person ist für Ropohl (1994, 1996) rechtlich oder moralisch verantwortlich für eine ihr zurechenbare Handlung oder deren Folgen unter einer geltenden Handlungsnorm vor einer Instanz in einem vorgesehenen Verfahren zu einem bestimmten Zeitpunkt.“ (Ott S.611) Ropohl hat auf Basis solcher Modelle eine Matrix entwickelt, die einen Überblick über die wichtigsten Verantwortungstypen gibt.

 

(A) WER

verantwortet

(1)

Individuum

(2)

Korporation

(3)

Gesellschaft

(B) WAS

Handlung

Produkt

Unterlassung

(C) WOFÜR

Folgen 
voraussehbar

Folgen 
unvoraussehbar

Fern- und 
Spätfolgen

(D) WESWEGEN

moralische 
Regeln

gesellschaftliche Werte

staatliche 
Gesetze

(E) WOVOR

Gewissen

Urteil anderer

Gericht

(F) WANN

vorher: 
prospektiv

momentan

nachher: 
retrospektiv

(G) WIE

aktiv

virtuell

passiv

 

Morphologische Matrix der Verantwortungstypen (zit. nach Ott (Ropohl 1994))

 

4.3. Wertbasis (Hubig)

 

Hubig konzentriert sich auf ein Problem aus der Diskussion um die VDI-Richtlinie 3780 zur Technikbewertung. Einzeln zustimmungsfähige Grundwerte, wie Sicherheit, Funktionstüchtigkeit, Umweltqualität, Wohlstand usw. können im Hinblick auf technische Optionen zueinander im konträren oder kontradiktorischen Verhältnis stehen, daher „ist das VDI-Oktogon geeignet, die Spalte der gesellschaftlichen Werte in Ropohls Matrix zu bestimmen," (4.2.) „ aber ungeeignet, Wertkonflikte aufzulösen."(Ott S.617)

 

 

oktogon

VDI Werte-Oktogon

Aus: VDI-Richtlinie 3780 zur Technikbewertung(in: Lenk/Ropohl 1993 S.360)

Gesucht werden Kriterien oder Prozeduren der Konfliktlösung. Hubig lokalisiert jenseits der Grundwerte zwei Basiswerte, die als Voraussetzung des Wertpluralismus gelten. Diese Basiswerte benennt er Options- und Vermächtniswerte. „Die Optionswerte beziehen sich auf Handlungschancen und Freiheitsspielräume […]; die Vermächtniswerte auf Traditionen, Sozialisationsgefüge und Rollenmuster als Bedingungen, unter denen Subjekte ihre personale Identität ausbilden können.“(Ott S.617/18) Mit Hilfe dieser Basiswerte können Regeln und Kriterien für die Behebung möglicher Wertekonflikte aufgestellt werden. Stehen die Options- und Vermächtniswerte in Konflikt, verweist Hubig darauf, den Vermächtniswerten den Vorrang einzuräumen. Denn ohne personale Identität ist ein Entscheidungsträger nicht in der Lage aus den möglichen Handlungsoptionen zu entscheiden. (vgl. Hubig 1993 S.300)

 

 

4.4. Vorrangregeln (Lenk/Maring)

Lenk und Maring haben, im Anschluß an Gedanken zur Zuschreibung von Verantwortung, zwanzig Vorrangregeln für Wert- und Normenkonflikte aufgestellt. Diese Vorrangregeln sollen die Entscheidungsfindung bei konkreten Konflikten erleichtern. Vorrang haben, bezieht sich hier auf die als höherwertig angesehenen Rechte oder Werte, die zuerst berücksichtigt werden sollten. Konrad Ott fasst diese Regeln der Einfachheit halber auf 13 Regeln zusammen.

(1) Moralische Rechte der Betroffenen berücksichtigen. Rechte gehen vor Nutzenüberlegungen.

(2) Erst im Anschluß an die Beachtung der Rechte aller dürfen Prinzipien der Schadenminimierung oder der Nutzenmaximierung zum Zuge kommen.

(3) In Berücksichtigung der ersten drei Regeln gilt: Die Beachtung der Rechte ist vorrangig gegenüber dem Prinzip der Schadensvermeidung und dieses ist vorrangig gegenüber dem Ziel der Nutzenmaximierung.

(4) Universalmoralische Verantwortung ist vorrangig gegenüber Rollen- und Aufgabenverantwortung.

(5) Direkte Verantwortung ist vorrangig gegenüber Verantwortung für entfernte Handlungsfolgen. Diese Regel gilt allerdings nicht generell.

(6) Direkte persönliche Verantwortung ist vorrangig gegenüber korporativer Verantwortung.

(7) Das Wohl der Allgemeinheit ist vorrangig gegenüber partikularen Interessen.

(8) Sicherheit ist vorrangig gegenüber funktionellen und ökonomischen Gesichtspunkten. Diese Regel hebt den Wert der Sicherheit heraus.

(9) Umweltverträglichkeit ist zu berücksichtigen und ist vorrangig gegenüber ökonomischem Nutzen. Diese Regel kann im Sinne einer Konzeption von dauerhaft-umweltgerechter Entwicklung oder starker Nachhaltigkeit gedeutet werden.

(10) Sozialverträglichkeit geht vor Umweltverträglichkeit und vor Effizienz und ökonomischem Nutzen. Diese Regel setzt jedoch eine Präzisierung dieser Verträglichkeitskriterien voraus.

(11) Die Interessen zukünftiger Generationen haben eine sehr hohe Priorität. Auch die Erhaltung von Handlungsfreiheiten hat hohe Priorität. Dies entspricht Hubigs Grundwerten(4.4).

(12) Konkrete Humanität geht vor abstrakten universellen Grundsätzen.

(13) Im Falle unlösbarer Konflikte ist ein fairer Kompromiß zu suchen, der Vorteile und Nachteile (annähernd) proportional verteilt. (vgl. Ott S.618/19)

 

Benutzte Literatur

Hubig, Ch.: Technikbewertung auf der Basis einer Institutionenethik, in Lenk, H. und Ropohl, G. (Hg. 1987): Technik und Ethik, Stuttgart (Reclam) 2. Aufl. 1993 S. 282-310

Jonas, H.: Warum die Technik ein Gegenstand für die Ethik ist: Fünf Gründe S. 81-91, in Lenk, H. und Ropohl, G. (Hg., 1987): Technik und Ethik, Stuttgart (Reclam) 2. Aufl. 1993:

Ott, Konrad; Technikethik, in: Julian Nida-Rümelin (Hg.): Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung, Stuttgart 2005

Petsche, H.-J.: Technikbegriff und formale Prozessontologie. In: Kornwachs, K. (Hg.): Technik - System - Verantwortung. Münster: LIT 2004, S. 173-188

VDI-Richtlinie 3780 zur Technikbewertung: Begriffe und Grundlagen (1991) (Auszug), in Lenk, H. und Ropohl, G. (Hg. 1987): Technik und Ethik, Stuttgart (Reclam) 2. Aufl. 1993

5. Literatur

gute Übersichten finden sich in:

Julian Nida-Rümelin (Hg.): Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung, Stuttgart 2005

A. Pieper/U. Thurnherr(Hg): Angewandte Ethik. Eine Einführung, München 1998

Nicolaus Knoepfler, Peter Kunzmann, Ingo Pies, Anne Siegetsleitner(Hg): Einführung in die Angewandte Ethik, Freiburg/München 2006

zum Thema:

 

Christoph Hubig, Alois Huning, Günter Ropohl (Hrsg.): Nachdenken über Technik : die Klassiker der Technikphilosophie. Ed. Sigma, Berlin 2000

Günter Ropohl: Technologische Aufklärung: Beiträge zur Technikphilosophie. 2. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1999

 

Lenk, H. und Ropohl, G. (Hg., 1987): Technik und Ethik, Stuttgart (Reclam) 2. Aufl. 1993


 


6.  Interessante Webseiten

 

Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen

Sehr interessante Schriftenreihe "Graue Reihe", verschiedene Themen, Studien, Materialien und Dokumentationen als PDF-Download.

http://www.ea-aw.de/

 

Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

Arbeitsberichte, Hintergrundpapiere, Diskussionspapiere als PDF-Download

http://www.tab-beim-bundestag.de/de/

 

Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)

erarbeitet und vermittelt Wissen über die Folgen menschlichen Handelns und ihre Bewertung in Bezug auf die Entwicklung und den Einsatz von neuen Technologien.

http://www.itas.fzk.de/home.htm