Toleranz

1. Die Vorgeschichte des modernen Toleranzbegriffes

Im westlichen Abendland hat das Konzept der Toleranz seinen Ursprung mit dem Aufkommen monotheistischer Religionen, die durch ihren Wahrheitsanspruch zwangsläufig in interne wie externe Auseinandersetzungen geraten. Das Aufstreben des christlichen Glaubens im alten Rom warf die Frage auf, wie mit Anders- oder Nichtgläubigen umzugehen sei. Der Begriff „Toleranz“ geht zurück auf das lateinische „tolerantia“. Bei den Römern bezog sich dies vor allem auf das Ertragen, das Erdulden von Unrecht. Zu der Zeit der Christenverfolgung bedeutete das zunächst ganz konkret, dass die frühen Kirchenväter „tolerantia“ als Gabe zum Ertragen von Tod und Verfolgung ansahen. Die Form der Geduld wurde als einende Kraft begriffen, die auch innerhalb der christlichen Konfession dafür sorgte, dass verschiedene Strömungen friedlich miteinander auskamen.

Nachdem das Christentum im Jahre 312 durch Kaiser Konstantin von einer zunächst privaten Angelegenheit zur öffentlichen Religion erhoben wurde, existierten nun erstmals monotheistische und polytheistische Religionen gleichberechtigt nebeneinander im öffentlichen Raum. Auch dadurch wurde der  Wandel des Toleranzbegriffes vorangetrieben. Mehr zum eintretenden Wandel in der Antike findet sich bei Frateantonio (vgl. Frateantonio 2006)

Im Laufe der Zeit sah sich die Kirche immer wieder großen Schwierigkeiten gegenüber. Obwohl der Toleranzbegriff aus christlicher Sicht geradezu traditionell vereinnahmt wurde, konnte man die prinzipiellen Schwierigkeiten einer monotheistischen Religion im Umgang mit anderen Überzeugungen nicht überwinden. Es folgten viele Rückschläge auf dem Weg zum übergreifenden ordnungspolitischen Toleranzprinzip.

2. Der moderne Toleranzbegriff

Nachdem die lange und schwierige Zeit des Mittelalters überwunden worden war, begann am Ende des 16. Jahrhunderts ein kultureller Umbruch. In der unmittelbar folgenden Zeit lassen sich zahlreiche Beispiele intellektueller Stimmen anführen, die für die Freiheit des Gewissens und damit verbunden für die Freiheit der Religionsausübung eintraten.

John Locke veröffentlichte zwischen den Jahren 1689 und 1692 drei Briefe zum Thema Toleranz, in denen er eine gewisse Duldung religiöser Bekenntnisse befürwortete. Den Atheismus lehnte er jedoch genauso wie den Katholizismus ab. Locke wägt pragmatisch ab, was aus der Sicht eines Empiristen in der Praxis für ein friedliches Zusammenleben das Beste wäre. So nimmt Toleranz in seiner politischen Philosophie eine große Rolle ein. Neu an seiner Herangehensweise war, dass das Toleranzprinzip im Verhältnis zu Staat und Religion stand, jedoch pragmatische Überlegungen im Vordergrund standen, woraus ein für die damalige Zeit relativ freies Konzept hervorging. Er plädierte dafür, dass der Staat die Religion weitestgehend seinen Bürgern zu überlassen habe.

Im Folgenden Jahrhundert wurde der Toleranzbegriff zunehmend von religiösen Ideen entkoppelt und verlor seinen glaubenspolitischen Bezug. Er wurde nach und nach zu einem allgemeinen Ordnungsprinzip, welches seinem Wesen nach per se offener sein musste, da es sich nicht mit dem prinzipiellen Wahrheitsanspruch monotheistischer Religionen vereinbaren lässt. Man berief sich zunehmend auf eine grundsätzliche Freiheit des Gewissens, was die Duldung aller Konfessionen nach sich zog. Bereits 1763 machte sich Voltaire in seiner „Abhandlung über den Toleranzgedanken“ für eine uneingeschränkte Glaubens- und Gewissensfreiheit stark. Im Vorfeld der französischen Revolution gilt er neben Rousseau zu den großen Theoretikern der Toleranz.

Doch auch aus Deutschland gibt es populäre Beispiele. Ein sehr bekanntes ist Lessings Ringparabel aus „Nathan der Weise“ von 1779, die als zeitgenössische Ausformulierung der Toleranzidee bezogen auf die drei monotheistischen Weltreligionen gilt. Lessing erzählt von drei Brüdern, die vom Vater jeweils einen Ring geerbt haben. Nur einer sei der echte, woraufhin ein Streit um diesen entbrennt. Da jedoch niemand genau weiß, welcher der echte Ring sei, soll ein Richter den Konflikt entscheiden. Darüberhinaus besitzt der echte Ring die wundertätige Kraft, dass sein Besitzer alle Menschen achtet und von diesen geachtet werde. Der Richter stellt fest, dass die Frage nicht zu entscheiden sei, wenn sich alle drei miteinander Streiten und verweist darauf, dass sich die Echtheit des wahren Ringes, wenn dieser nicht verloren gegangen ist, im Handeln des Trägers zeigen werde. Interpretiert man Lessings Parabel, so kann jeder der Ringe für eine der drei großen Monotheistischen Religionen stehen. Welche von ihnen die richtige ist, lässt sich nicht Anhand ihrer Schriften erkennen, sondern ausschließlich durch das Handeln ihrer Anhänger. Das konkrete, greifbare, weltliche Tun bekommt damit einen höheren Stellenwert als die metaphyische Lehre. In Lessings Parabel, so könnte man argumentieren, ist Toleranz demzufolge ein höherer Wert als bloße religiöse Lehre. Damit setzt er den Trend fort und entrückt den Toleranzbegriff dem Religiösen Anspruch. Er dreht das Verhältnis beider sogar um und ist damit sinnbildlich für die damalige Entwicklung.

Mit der Ratifikation der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika im Jahre 1787, oder der französischen Revolution 1789-1799 findet die Toleranzidee ihren Weg in die politische Praxis. Vereinzelt vorher bereits vorhandene Toleranzgesetzgebungen werden in verfassungsstaatliche Ordnungen überführt und begründen sich naturrechtlich in Bürger- und schließlich in Menschenrechten.

3. Toleranz heute

Der Idee des Toleranzbegriffs ist fest in der europäischen Kultur verankert. Die europäische Politik versuchte ihr über drei Jahrhunderte durch die Mittel des Rechts und das staatliche Gewaltmonopol eine solide Grundlage zu geben. Nach den beiden Weltkriegen konnte die Idee auch in Mitteleuropa etabliert werden.

Der Toleranzbegriff ist heute jedoch immer noch problematisch und birgt sicher auch in Zukunft politische, kulturelle und philosophische Herausforderungen. Er wird gegenwärtig sehr häufig bemüht. Was im Einzelnen unter ihm zu verstehen sei, ist dabei nicht immer klar. Im Kern der Sache steht meist ein Konflikt. Eine Auseinandersetzung, die von den Beteiligten in der Sache für so wichtig gehalten wird, dass ihr eine ablehnende Haltung entwächst. Der Glaube, die eigene Meinung sei hochwertiger als die des Anderen, spielt hierbeit eine entscheidende Rolle. Die Herausforderung besteht darin, die Ablehnungshaltung zu überwinden.

Im Vergleich zum Toleranzbegriff des 18. Jahrhunderts, der auf eine Duldung hinaus lief, geht bei moderneren Standpunkten eine wechselseitige Anerkennung mit ihm einher. Dazu wird häufig zwischen pejorativer Toleranz und dialogischer Toleranz, welche eben genau dieses Gespräch auf Augenhöhe bereits im Namen trägt, unterschieden. In der gesellschaftlichen Praxis ist Toleranz heute wie damals eine unverzichtbare Tugend.

Rainer Forst gibt verschiedene Merkmale für Toleranz, von denen einige hier kurz aufgegriffen werden sollen. Normative Ablehnung gehört auch für ihn untrennbar zur Toleranz hinzu, wobei ihr eine qualifizierte Akzeptanz gegenübersteht. Diese negiert negative Bewertungen zwar nicht, führt aber positive Gründe für Respekt dem Anderen gegenüber an. Desweiteren gehört nach Forst die Angabe der Grenze der Toleranz hinzu. Also die Markierung des Punktes, an dem die negativen Gründe der Ablehnung gewichtiger sind als die positiven der Anerkennung. Außerdem solle Toleranz grundsätzlich auf freiwilliger Basis geschehen. (vgl. Forst 2000)

4. Anmerkungen

Historisch lässt sich eine Entwicklung des Begriffes belegen. Vom zunächst religiösen Ursprung, der mit unserem modernen Toleranzbegriff noch relativ wenig zu tun hatte, entfernte man sich im Laufe der Jahrhunderte immer mehr. Ursächlich hierfür ist das prinzipielle Problem monotheistischer Religionen, im europäischen Kontext speziell des Christentums, mit der Anerkennung anderer 'Wahrheiten'.

Bei der schwächsten Form der Toleranz, der bloßen Duldung, findet auf inhaltlicher Ebene keine Auseinandersetzung mit dem Anderen statt. Womöglich ist Gleichgültigkeit hier die bessere Beizeichnung. Sie ist zwar aus pragmatischer Sicht der gewaltsamen Auseinandersetzung vorzuziehen, trägt allerdings auch wenig zum gegenseitigen Verständnis bei. Um die Ursachen etwaiger Spannungen zu beseitigen und damit auch dauerhaft die Stabilität des Zusammenlebens zu gewährleisten, ist der Dialog unentbehrlich. Die dialogische Toleranz beinhaltet die aktive inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Anderen. Ein Gespräch kann wechselseitig befruchten und nachhaltig Ressentiments und Ängste abbauen.

5. verwendete Literatur

Christa Frateantonio: Das Erbe des antiken Pluralismus. In Religiöser Pluralismus und Toleranz in Europa. Christian Augustin, Johannes Wienand, Christiane Winkler (Hrsg.). VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH: Wiesbaden, 2006.

Toleranz, Philosophische Grundlagen und gesellschaftliche Praxis einer umstrittenen Tugend. Rainer Forst. Campus Verlag: Frankfurt am Main, 2000.