Vertrauen

1. Einleitung


Vertrauen zu jemandem oder in etwas zu haben, ist eine Verhaltensweise, die dem Menschen von Geburt an zu eigen ist. So ist das Vertrauen zwischen Eltern und Kind eine der frühesten Erfahrungen, die wir machen. Jedoch muss jeder im Laufe seines Lebens feststellen, dass Vertrauen zu schenken oder auch selbst vertrauenswürdig zu handeln eine große Herausforderung darstellen kann. Dennoch beeinflusst die Tatsache ob wir Vertrauen in jemanden oder etwas haben unsere alltäglichen Entscheidungen und ist oftmals handlungsleitend. Auch in ethischen Überlegungen taucht der Vertrauensbegriff immer wieder auf. So bewerten wir beispielsweise einen Vertrauensbruch als moralisch verwerflich. Daher ist es für die praktische Philosophie lohnenswert, das Phänomen des Vertrauens und seine Funktionsweise genauer zu betrachten.

2. Vertrauen als Grundlage menschlichen Zusammenlebens

Zur ersten Annäherung an den Begriff des Vertrauens kann eine Definition von Martin Hartmann dienen:

„In Akten des Vertrauens gehen wir – optimistisch und in kooperativer Orientierung – davon aus, dass ein für uns wichtiges Ereignis oder eine für uns wichtige Handlung in Übereinstimmung mit unseren Wünschen und Absichten eintritt oder ausgeführt wird, ohne dass wir das Eintreten oder Ausführen dieses Ereignisses oder dieser Handlung mit Gewissheit vorhersagen können.“ (Hartmann, 2004: 487)

Hier zeigen sich drei wichtige Elemente des Vertrauens:

(1) Vertrauen ist in die Zukunft gerichtet. Es bezieht sich auf Ereignisse, die erst noch eintreffen werden.

(2) Mit Vertrauen sind bestimmte Wünsche und Erwartungen verbunden, deren Eintreten der Vertrauende erhofft.

(3) Im Akt des Vertrauens wird die Kontrolle über diese zukünftigen Ereignisse abgegeben. Es bleibt dem Vertrauensempfänger überlassen, ob er die Erwartungen erfüllt oder nicht.

Vertrauen findet zumeist in der sozialen Interaktion statt und wird insbesondere in der Soziologie als eine der Grundvoraussetzungen für menschliches Zusammenleben überhaupt beschrieben. (vgl. Hartmann/Offe: 2001) Indem das Individuum zunächst vertrauensvoll davon ausgeht, dass seine Mitmenschen ihm grundsätzlich wohlgesonnen sind, wird es ihm überhaupt erst möglich, sich angstfrei in einer Gesellschaft zu bewegen. „Ohne jegliches Vertrauen aber könnte [der Mensch] morgens sein Bett nicht verlassen. Unbestimmte Angst, lähmendes Entsetzen befielen ihn.“  (Luhmann, 1989: 1)

Unserer Gesellschaft liegt das Prinzip zu Grunde, dass Vereinbarungen getroffen werden und jeder darauf vertraut, dass diese eingehalten werden, oder dass eine Nicht-Einhaltung zumindest angemessen sanktioniert wird. Ohne Vertrauen wäre der Mensch handlungsunfähig und das soziale Zusammenleben müsste geprägt sein von ständiger Vorsicht und dem Kampf um die Berücksichtigung der eigenen Interessen. Thomas Hobbes konstruierte seinen Naturzustand nicht zuletzt aus der Annahme, dass sich Menschen zueinander zunächst misstrauisch verhalten. Daraus resultiert ein Kriegszustand, der ein friedvolles Zusammenleben verhindert und die egoistische Natur des Menschen offenbart. Erst mit der Möglichkeit Verträge zu schließen, die über eine Sanktionsmacht abgesichert sind, wird Vertrauen möglich. (vgl. Hobbes: 1994, 75-85)

Obwohl Vertrauen eine wichtige Rolle in unserem Leben zu spielen scheint, hat es in der systematischen Philosophie bisher erstaunlich wenig Aufmerksamkeit erfahren. Annette Baier begründet dies damit, dass seit Hobbes das Phänomen des Vertrauens vor allem in Verbindung mit der Möglichkeit Verträge zu schließen betrachtet wurde. Durch diese etwas einseitige kontraktualistische Betrachtung wurden Aspekte des persönlichen oder intimen Vertrauens vernachlässigt. (vgl. Baier: 2001, 64) In den letzten Jahren wurde jedoch zum Beispiel in der Diskussion um moralische Verantwortung und in der Medizinethik (Arzt-Patienten-Verhältnis) das Augenmerk verstärkt auf den Aspekt des Vertrauens gerichtet.

3. Vertrauen in der Krise


Seit einiger Zeit wird in den Medien und in der Soziologie immer wieder behauptet, dass sich unserer Gesellschaft in einer Vertrauenskrise befindet. Seit der Finanzkrise 2008 herrscht eine Krise des Vertrauens in unser Wirtschaftssystem, auch der Kirche ist nach den untragbaren Fehltritten einiger ihrer Vertreter nicht mehr zu trauen und Vertrauen in die Politik gab es wohl noch nie.


Jedoch ist es fraglich, wie tiefgreifend diese Vertrauenskrisen tatsächlich sind. Zwar äußern wir häufig unser Misstrauen gegenüber Institutionen und Mitmenschen, unser Verhalten zeigt jedoch etwas anderes. Wir lesen weiterhin Zeitungen, obwohl wir den Journalisten misstrauen, wir legen weiterhin unser Geld bei den Banken an, obwohl wir kein Vertrauen ins Finanzsystem haben, wir nehmen weiterhin Medikamente ein, obwohl uns die Machenschaften der Pharmaindustrie dubios erscheinen und wir suchen weiterhin Ärzte auf, obwohl wir deren Behandlungsmethoden nicht im Einzelnen verstehen. Wir nehmen all diese Dienste in Anspruch, obwohl wir behaupten, ihnen nicht zu vertrauen. Es scheint, dass aus dem Vertrauensverlust nicht die radikalen Konsequenzen gezogen werden, die eigentlich folgen müssten. Denn es wäre durchaus möglich – wenn auch mit zugegebenermaßen hohem Aufwand – diese dienstleisterischen Angebote abzulehnen und beispielsweise Geld nicht bei einer Bank anzulegen oder schulmedizinische Behandlungen völlig zu verweigern.


Angesichts dieser Probleme kann man fragen, inwieweit Vertrauen überhaupt gemessen werden kann und ob verbale Aussagen über Vertrauen aussagekräftig sind. (vgl. Hartmann, 2004: 389) Vertrauen hat einen handlungsbezogenen Charakter. Demnach zeigt sich Vertrauen in bestimmten Handlungen und es ist durchaus nicht auszuschließen, dass wir vertrauensvoll handeln, obwohl wir das Gegenteil behaupten. Außerdem ist Vertrauen von präreflexiver Natur. Das bedeutet, dass wir vertrauensvolles Handeln nicht ständig bewusst reflektieren, sondern oftmals bloßen Intuitionen folgen. Daraus lässt sich schließen, dass Interviews und Umfragen bezüglich Vertrauen in bestimmte Personen oder Institutionen keine Aussagen über tatsächliches Vertrauen treffen können, vielmehr müssen wir aufmerksam unser Handeln beobachten.

4. Vertrauen als Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität


Wie bereits in 2. erläutert, hat Vertrauen eine wichtige soziale Funktion. Besonders Niklas Luhmann hat mit seiner Abhandlung Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität diese Bedeutungsdimension ausgearbeitet und geprägt.

Luhmanns Kernthese lautet, dass Vertrauen dazu beiträgt, die Komplexität, der die Menschen in der modernen Gesellschaft ausgesetzt sind, zu reduzieren und ihnen damit neue Handlungsmöglichkeiten eröffnet werden:

„Wo es Vertrauen gibt, gibt es mehr Möglichkeiten des Erlebens und Handelns, steigt die Komplexität des sozialen Systems, also die Zahl der Möglichkeiten die es mit seiner Struktur vereinbaren kann, weil im Vertrauen eine wirksamere Form der Reduktion von Komplexität zur Verfügung steht.“ (Luhmann, 1989: 8)

Mit einfachen Worten ausgedrückt, besteht das Problem für den Menschen darin, dass er nicht in die Zukunft blicken kann. Die Anzahl der möglichen Ereignisse ist unendlich und es stehen keine Informationen zur Verfügung, welche davon tatsächlich eintreffen werden. Das meint Luhmann mit „Komplexität“. Dieser Informationsmangel muss mit Hilfe von Vertrauen in bekannte Muster ausgeglichen werden. Bestimmte Entwicklungsmöglichkeiten werden so von der Berücksichtigung ausgeschlossen und bestehende Gefahren können einfach ignoriert werden. Vertrauen „ermöglicht es daher, mit größerer Komplexität in bezug auf Ereignisse zu leben und zu handeln.“ (Lumann: 1989, 16) Erst durch soziales Vertrauen wird der Mensch in der Gesellschaft überhaupt handlungsfähig.

5. Personenvertrauen und Systemvertrauen


Luhmann unterscheidet weiterhin zwischen Vertrauen zu Personen und zu Systemen. Personenvertrauen findet gegenüber Einzelpersonen statt und definiert sich als „die generalisierte Erwartung, dass der andere seine Freiheit, das unheimliche Potential seiner Handlungsmöglichkeiten, im Sinne seiner Persönlichkeit handhaben wird – oder genauer, im Sinne der Persönlichkeit, die er als die seine dargestellt und sozial sichtbar gemacht hat. Vertrauenswürdig ist, wer bei dem bleibt, was er bewusst oder unbewusst über sich selbst mitgeteilt hat.“ (Luhmann, 1989: 40f.)  Eine Person erscheint also als vertrauenswürdig, wenn sie sich so verhält, wie es ihr bisheriges Verhalten und ihre Aussagen über zukünftiges Verhalten implizieren.


Systemvertrauen bezieht sich dagegen auf Vertrauen, das ein Individuum komplexeren und abstrakteren Systemen, wie z.B. dem Gesundheitssystem, entgegenbringt. Die Kontrolle dieser Systeme erfordert ein hohes Maß an Fachwissen, das der Einzelperson in der Regel nicht zur Verfügung steht. Daher schließt das „Vertrauen in die Funktionsfähigkeit von Systemen […] Vertrauen in die Funktionsfähigkeit ihrer immanenten Kontrollen ein.“  (Luhmann, 1989: 65)

6. Vertrauen als Risiko


Trotz aller Absicherungsversuche bleibt Vertrauen immer ein Risiko. Jedes Vertrauen kann sich als Irrtum herausstellen und enttäuscht werden. Vertrauen in jemanden oder etwas zu setzen bleibt eine notwendige, aber dennoch freiwillige Handlung. „Man kann Vertrauen nicht verlangen. Es will geschenkt und angenommen sein. Vertrauensbeziehungen lassen sich daher nicht durch Forderungen anbahnen, sondern nur durch Vorleistung – dadurch, dass der Initiator selbst Vertrauen schenkt oder eine zufällig sich bietende Gelegenheit benutzt, sich als vertrauenswürdig darzustellen“ . (Luhmann, 1989: 46) Eine Garantie, dass die Medien, die Vertrauenswürdigkeit liefern sollen, tatsächlich vertrauenswürdig sind, kann nicht gegeben werden. So kann und muss Vertrauen letztendlich nur auf einem Wert basieren: Vertrauen.

7. Quellen

Baier, Annette: Vertrauen und seine Grenzen. In: Vertrauen: die Grundlage des sozialen Zusammenhalts, hg. v. Martin Hartmann, Clauss Offe, Frankfurt/Main 2001.

Hartmann,Martin: Vertrauen. In: Politische Theorie. 22 umkämpfte Begriffe zur Einführung, hg. v. Gerhard Göhler, Mattias Iser, Ina Kerner, Wiesbaden 2004.

Hobbes, Thomas: Vom Menschen. Vom Bürger, hg. v. Günter Gawlick, Hamburg 1994.

Luhmann, Niklas: Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität, 3. Aufl., Stuttgart 1989.

8. Literatur

Martin Hartmann, Clauss Offe (Hg.): Vertrauen: die Grundlage des sozialen Zusammenhalts, Frankfurt/Main 2001.
Hilfreiche Aufsatzsammlung zur ersten Annäherung an den Begiff

Niklas Luhmann: Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität, 3. Aufl. Stuttgart 1989.
Kurze Abhandlung über Vertrauen. Anspruchsvoll zu lesen, aber sehr aufschlussreich.

Onora O’Neill: Autonomy and Trust in Bioethics, Oxford 2002.
O’Neill stellt einige Überlegungen zum Verhältnis von Autonomie und Vertrauen in der Bioethik an. Dabei trifft sie viele allgemeingültige Aussagen über das Phänomen des Vertrauens. Auch auf Englisch gut lesbar.
Auszüge direkt im Internet verfügbar:

http://books.google.com/books?id=F_2z0qJgrUoC&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_atb#v=onepage&q&f=false

9. Links

http://plato.stanford.edu/entries/trust

Eintrag in der Standford Encyclopedia of Philosophy. Englisch

http://www.bbc.co.uk/radio4/reith2002

Vorlesungsreihe der britischen Philosophin Onora O’Neill zum Thema Vertrauen. Zum lesen und anhören. Englisch